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22.06.2018 Kategorie: Allgemeines 2018
Von: sk

25 Jahre Jugendcafé und Förderverein

Festrede von Sibylla Kleffner, Stellv. Vorsitzende des Fördervereins

Vor 25 Jahren gründete sich zeitgleich mit der Eröffnung des Jugendcafés der Verein zur Förderung der Jugendarbeit in Überlingen e.V. (VFJ)  mit dem Anliegen, „Kreativität, Selbstständigkeit, Verantwortungsbereitschaft und demokratisches Bewusstsein bei den Jugendlichen zu fördern“.

Ein großes Anliegen! Große Worte, die wir uns Altvorderen und den jungen Menschen da mit auf den Weg gegeben haben: Kreativität, Selbstständigkeit, Verantwortungsbereitschaft, demokratisches Bewusstsein .

Davon ausgehend, dass wir am kraftvollsten und leichtesten weitergeben können, was wir selber auch leben, erleben und erfahren haben, gestatten Sie mir bitte die Frage an uns sogenannte Erwachsene: Was ist aus unserer „jugendlichen“ Kreativität geworden? Was meinen wir Alten heute, wenn wir von Selbstständigkeit reden? Dasselbe, was die Jungen meinen? Wie steht es um unsere eigene Verantwortungsbereitschaft – unsere tagtägliche Bereitschaft, Verantwortung zu übernehmen – für uns selbst und für andere – oder für Dinge, die uns bewegen, die wir verändert sehen wollen? Was leben wir den Jungen vor? Und: Wie leben wir demokratisches Bewusstsein? Was heißt das überhaupt? Noch dasselbe wie vor 25 Jahren?

Ich weiß, das sind ungemütliche Fragen. Aber wer was bewegen will, muss sich selbst bewegen – wer andere bewegen will, muss sich ungemütliche Fragen zumuten. Das ist Teil unserer Verantwortung, wenn wir Verantwortungsbereitschaft auf der anderen Seite fördern wollen.

Ich lehne mich nicht so weit aus dem Fenster, zu wagen, darauf allgemein gültige Antworten zu finden oder zu geben. Wir alle gemeinsam und jeder für sich ist jeden Tag aufs Neue gefordert und aufgefordert, Antworten zu finden, immer wieder neu. Weil das Leben sich eben ständig verändert. Doch tun wir das? Wie oft fassen wir uns an die sprichwörtlich eigene Nase? Wie oft nehmen wir uns selbst gegenüber und unserer eigenen festgefahrenen Meinung einen anderen Standpunkt ein, wagen es, uns zu fragen: Stimmt das eigentlich, was ich da sage? Stimmt es noch?

Was verlangen wir da von den Jugendlichen, von den jungen Menschen, so, wie wir heute hier alle mit ihnen, wie wir alle mit Euch (!) zusammensitzen, wenn wir rufen: „Übernehmt Verantwortung, werdet selbstständiger, seid kreativ, macht halt mal, Ihr habt doch alle Möglichkeiten!“ Was reden wir da wirklich?

Eine gemeinsame Zukunft setzt eine gemeinsame Sprache voraus. Die Fähigkeit, andere Blickwinkel, andere Perspektiven einzunehmen. Und Hand aufs Herz: Wollen wir von den Jungen lernen? Wollen wir wirklich ihre Sprache sprechen lernen und verstehen? Wüssten wir, wozu?

Junge heranwachsende Menschen sind sehr lange kooperativ – sie lernen, sie nehmen an – sie vertrauen uns. Das gefällt uns. Und dann beginnt plötzlich eine Zeit, in der sie Verantwortung für ihre eigenen Gedanken und Empfindungen übernehmen – und übernehmen wollen, in der sie beginnen, im wahrhaftigsten Sinne selbstständig zu sein, in der sie das Ausleben ihrer Kreativität vehement einfordern, in der sie uns manchmal laut, manchmal eindringlich, manchmal dramatisch in Szene gesetzt, manchmal zart und feinfühlend an unser aller demokratischen Bedürfnisse erinnern. Und plötzlich ist es uns nicht mehr recht/gefällt uns das nicht mehr. Plötzlich tanzen jammernde Wortblasen im Raum wie „Die Jugend von heute ...“.

Plötzlich ziehen wir harte Bewertungen und Verurteilungen ins Feld, wie die Jugend von heute eben leider nicht mehr sei, worauf man sich nicht mehr verlassen könne, was ihr LEIDER LEIDER fehlte... Ja, und unter einem bestimmten Blickwinkel stimmt das: Der heutigen Jugend fehlt aus unserer Sicht tatsächlich etwas – unsere eigene Zeit, die Zeit, aus der wir kommen, die Zeit, die uns geprägt hat. Aber das ist eine andere Zeit. Das ist unsere Zeit der Jugend! Die Jugend heute hat ihre eigene Zeit! Ihre eigenen Kontexte, ihre eigenen Herausforderungen. So wie wir damals unsere!

Und wenn sich die jungen Leute dagegen wehren, unsere Kontexte aufgedrückt zu bekommen, dann haben sie verdammt noch mal recht damit! Wenn die jungen Leute sich auf ihre Weise Gehör verschaffen wollen, so ungemütlich das auch für uns sein mag - dann haben sie verdammt noch mal recht damit. Es ist an uns, an den älteren Generationen, zu lernen, zuzuhören. Auch wenn uns die Sprache der jungen Menschen heute ab und an missfällt, irritiert, fremd scheint. Auch wenn wir sie nicht verstehen. Umso mehr ist es an uns, ihre Sprache zu lernen. Denn in ihr zeigen sich die neuen Kontexte, die neue Zeit, die neuen Herausforderungen, denen wir Alten uns ebenso stellen dürfen und müssen.

An dieser Stelle ist es mir ein Herzensanliegen, all jenen Menschen einen besonderen Dank auszusprechen, die hier, im Jugendcafé, jeden Tag unermüdlich und hoch engagiert wertvollsten Einsatz leisten – allen voran Herrn Diabuno, Herrn Linder, Frau Schmitz, und mit ihnen all den Sozialarbeiterinnen und Sozialarbeitern, die immer wieder in die Arbeit mit einbezogen sind – und natürlich der Jugend selbst: den vielen FSJler und auch Praktikantinnen und Praktikanten, die nicht müde werden, gemeinsam eine Sprache zu finden, die uns einander verstehen lässt und uns Chancen aufzeigt, Zukunft gemeinsam kraftvoll zu gestalten. Was sie hier alle leisten vor Ort, ist großartig! Und sicher auch hart – denn die für Ihre Leistungen lebenserhaltende Wertschätzung und Anerkennung „von außen“ – die erfahren Sie sicher viel zu selten. Wenn wir hier heute also ein Jugendcafé feiern, das seit 25 Jahren besteht, dann feiern wir auch Sie alle!

Und wir feiern die Jugend! Wir feiern Euch junge Menschen! Mit allem, was Ihr uns schenkt, mit allem, was Ihr uns beibringt, mit allem, was wir von Euch und mit Euch lernen können. Mit all Eurer Kreativität, mit all Eurer Selbstständigkeit, mit all Eurer Verantwortungsbereitschaft. Demokratisches Bewusstsein heißt in diesem Zusammenhang Raum schaffen, Raum für alle, in aller Unterschiedlichkeit, in aller Verschiedenheit. Darin liegt keine Gefahr – darin liegt unsere Chance. Unsere Chance, Gemeinsamkeiten zu entdecken und mit Leben zu füllen, Zukunft zu gestalten – generationsübergreifend!

Ihr jungen Menschen alle: Lasst Euch nicht unterkriegen! Verzweifelt nicht an unserem teils starren Denken – im Gegenteil, lasst dies Euch umso mehr Antrieb und Motivation sein, das Leben so zu gestalten, wie Ihr es wollt! Und wir Alten sollten lernen und begreifen: Wir haben keine andere Wahl! Und das ist vielleicht unsere größte Chance!


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